Milano Kaliber 9 (1972)

Diese Besprechung habe ich zum ersten Mal am 21. Dezember 2019 auf Letterboxd veröffentlicht. Fernando Di Leos MILANO KALIBER 9 gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilme, und ich finde, das, was ich damals dort geschrieben habe, trifft das, was ich über den Film denke, so ziemlich kurz, knackig und genau auf den Punkt.

Ein Mann wie Ugo Piazza lässt sich nicht in die Karten schauen

Ugo Piazza (Gastone Moschin) kommt nach drei Jahren aus dem Knast. Sofort klebt ihm sein alter Kumpane Rocco (Mario Adorf) an den Hacken, denn er will wissen, wo 300.000 Dollar geblieben sind, um die Ugo seinen Boss, den Amerikaner (Lionel Stander), erleichtert haben soll. Doch der frisch Entlassene bleibt bei seiner Version, dass er das Geld nicht hat. Er weiß, dass er sich weder seine alten Kollegen, noch die Bullen lange vom Leib halten kann, weswegen er die Hilfe des Auftragskillers Chino (Philippe Leroy) in Anspruch nimmt…

Man sagt ja manchen Filmen nach, sie seien das Zelluloid gewordene Pendant zu einem Schlag in die Fresse. Auf kaum einen davon trifft das wohl so sehr im positiven Sinne zu wie auf MILANO KALIBER 9. Der Film zeigt gleich in den ersten Minuten, was Sache ist, knallt einem eine Sequenz um die Ohren, die ob ihres Tempos und ihrer Gnadenlosigkeit in die Geschichte des Genrekinos eingegangen ist – pure cineastische Energie!

Der Auftritt des Helden erfolgt erst nach knapp zehn Minuten, doch von da an weicht die Kamera Gastone Moschin als Ugo Piazza (fast) nicht mehr von der Seite. Als beinahe ebenso penetrant erweist sich Mario Adorf als schmieriger Ganove Rocco, der ihn nervt und erniedrigt, wo er nur kann. Dieses ungleiche Duo bildet ab jetzt das Herz des Films, auch wenn die Weichen für den Verlauf der Handlung immer in den Szenen gestellt werden, in denen Adorf eben nicht zugegen ist. Aber man freut sich diebisch darauf, wenn die beiden wieder vereint werden, ihre gemeinsam Szenen sind einfach Gold wert. Ugo gibt sich zwar undurchsichtig und hart wie ein Fels, doch erscheint er im Kontrast zu den Leuten, die ihn bedrängen, als eher harmlos. Er scheint wie jemand, den andere als Opfer auserkoren haben, und man freut sich, dass er sich als jemand herausstellt, der sich nicht zum Opfer machen lässt. Überhaupt lässt der Film einen kaum eine ruhige Minute, um über Ugo und seine Absichten zu sinnieren, Di Leo treibt die Geschichte immer wieder voran.

In den einzigen Szenen, in denen er einen etwas Pause gönnt, blockiert er aber unseren Intellekt, in dem er sie nutzt, um die beiden Polizisten Frank Wolff und Luigi Pistilli gesellschafts-politische Diskussionen anzustoßen. Sobald die beiden wieder davon ablassen, dreht Di Leo das Tempo wieder unbarmherzig hoch. In der deutschen Kinofassung fehlen diese Diskussionen, eine sinnvolle Straffung, wie ich finde, auch wenn der Film einigen dadurch vielleicht etwas zu rastlos erscheint. MILANO KALIBER 9 ist in dieser Fassung ein gnadenlos rasanter, aktionsgeladener und stellenweise fieser Thriller mit doppelten Boden.

Du, wenn Du einen Mann wie Ugo Piazza siehst, dann musst Du den Hut vor ihm ziehen!
Du musst den Hut vor ihm ziehen! Du musst den Hut vor ihm ziehen!

Die Besetzung mit Gastone Moschin und Mario Adorf in den Hauptrollen kann man als perfekt bezeichnen, gerade letzterer läuft zu absoluter Hochform auf, wütet wie ein Derwisch durch die Handlung. Barbara Bouchet als Ugos Freundin Nelly präsentiert sich ein weiteres Mal als genauso hübsch wie hintergründig. Ihre Rolle in der Geschichte montiert Di Leo sehr geschickt im Hintergrund. Lionel Stander punktet als „Der Amerikaner“ schon mit seiner Präsenz und seinem schrägen, aber ernsthaften Blick durch sein schielendes Auge. Als der einzige Vertraute, der Ugo noch geblieben scheint, liefert Philippe Leroy als Auftragskiller, dessen Welt noch mehr ins Wanken gerät, als die seines Freundes, eine mehr als sehenswerte Vorstellung. Und mit Frank Wolff und Luigi Pistilli wurden als vermeintliche Lückenfüller zwei weitere Hochkaräter verpflichtet, deren Ausführungen man gerne lauscht. Einen festen Platz in meinem Herzen hat sich Omero Capanna erobert; er ist die erste Person, die man in diesem Film sieht, und hinterlässt mit seiner echt fiesen Visage und den gegelten und zurück gekämmten Haaren einfach einen bleibenden Eindruck, auch wenn die Rolle nur klein ist.

Unter den italienischen Action-Krimis stellt MILANO KALIBER 9 eh den Film der Filme dar, doch auch im Bereich des Eurocrimes und zeitgenössischer Thriller braucht er sich nicht zu verstecken, ganz im Gegenteil. Nicht nur Italo-, 70s-Fans, nein, Thriller-Fans an sich ist der Film nur wärmstens zu empfehlen. Das Setting, die Schauspieler, der Schnitt, die treibende Musik (die hab ich noch gar nicht erwähnt, oder?) – er hat auch nach fast 50 Jahren nichts von seiner Sogwirkung verloren.

Author: Tom Horn

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