Dark Glasses (2022)

Okay, das ist also nach 10 Jahren Abstinenz Argentos Rückkehr auf die große Leinwand. Dass er wieder zu alter Form findet, damit war wohl eher nicht zu rechnen. Dafür muss man anerkennen, dass DARK GLASSES zumindest weit besser geraten ist als der Totalausfall DRACULA 3D und sich inhaltlich nicht ganz so doof präsentiert wie der viel gescholtene GIALLO.

Ein Serienmörder ermordet drei Prostituierte mit einer Celloseite. Als nächstes Opfer hat er Diana (Iliena Pastorelli) auserkoren, die jedoch in ihrem Auto entkommen kann. Bei der Verfolgung seines Opfer schubst er sie auf eine Kreuzug, wo sie in ein anderes Auto crasht. In diesem saß eine chinesische Familie – der Vater stirbt, die Mutter fällt ins Koma, nur der junge Shin (Andrea Zhang) bleibt unverletzt. Diana selbst erblindet. Mit der Hilfe von Rita (Asia Argento), die der ängstlichen Frau einen Blinden- und Schutzhund besorgt, findet sie sich mit der Situation schnell zurecht. Sie nimmt Verbindung zum kleinen Shin auf, der zuerst nichts von ihr wissen will. Doch er steht schon bald bei ihr auf der Matte, da er gegen seinen Willen in eine Pflegefamilie gesteckt werden soll. Auch der Killer lässt nicht lange auf sich warten, um sein Werk zu vollenden…

Gefällig, aber gewiss nicht spektakulär

Optisch kann der Film kaum an alte Großtaten anknüpfen, die Digital-Fotografie ist zwar gefällig, wirkt über weite Strecken aber steril, die Kamera-Arbeit routiniert, jedoch zumeist konventionell. Nur selten bemüht man eine Kamerafahrt oder gibt sich Mühe mit der Bildgestaltung; Argento hat halt inzwischen nicht mehr das Budget und das Standing, dies von langer Hand vorbereiten zu können, vielleicht auch nicht mehr den Elan dazu. Der Score mutet anfangs etwas einfallslos, pendelt sich dann aber im erträglichen Bereich ein und unterstützt in den besten Szenen den Spannungsaufbau passabel. Sowieso kommt nie Langeweile auf, auch wenn die letzten fünfzehn Minuten merklich an Zug verlieren. Die Entscheidung, den Film als Hetzjagd ala OPERA zu gestalten, anstatt einen altbewährten Krimi aufzuziehen, scheint richtig, auch wenn ich von Argento eigentlich letzteres bevorzuge.

Durchwachsener Cast

Der Cast allerdings agiert eher durchwachsen. Gerade Ilenia Pastorelli weiß in der Hauptrolle der erblindeten Prostituierten nicht durchgehend zu überzeugen. Das liegt aber auch teils am dusseligen Drehbuch, das seine Heldin nicht wirklich gut zu charakterisieren weiß. Zur Seite steht ihr Andrea Zhang, der für einen Kinderdarsteller zum Glück nicht allzu sehr nervt. Asia Argento habe ich erst auf den zweiten Blick erkannt, ein Zeichen dafür, dass sie sich gut aus der Affäre zieht. Die weiteren Personen sind kaum erwähnenswert, außer dass man einige wirklich schmierige Typen als problematische Freier auf die Edel-Prostituierte loslässt, was an sich sehr schön passt.

Inhaltliche Schwächen wie eh und je

Etwas Licht, aber auch viel Schatten gibt es inhaltlich zu vermelden. Einige der Personen agieren tatsächlich hirnzermarternd doof, aber wir haben es hier ja auch mit einem Spät-Giallo zu tun und keinem Chabrol. Die Unfähigkeit der Polizei, trotz Nummernschildes nach dem weißen Transporter zu fahnden, oder später ihn bei der Konfrontation in die Windschutzscheibe zu schießen (sind die nie auf dem Schießstand?), lässt einen schon mit dem Kopf schütteln.

Und warum lässt unsere Heldin ihren Hund zu Hause, wenn sie mit Chin vor der Staatsgewalt flieht? Wahrscheinlich weil Argento unbedingt einen Hinweis auf den Täter geben wollte (wer den Film gesehen hat, weiß was ich meine), allerdings wusste ich schon gleich, wer der Täter ist, als er (noch nicht enttarnt) das erste Mal aufgetaucht ist. Zudem bleibt uns Argento ein Motiv schuldig, denn er mordet schon vor seiner ersten Begegnung mit Diana, sie kann also nicht der Trigger gewesen sein. Die Schlangen-Szene gehört außerdem zum Dämlichsten, was ich in letzter Zeit in einem Film gesehen habe.

Fazit

Nichtsdestotrotz, DARK GLASSES hat mich summa summarum ganz passabel unterhalten, auch wenn ich mir mehr davon erhofft hatte. Zumindest ist er nicht so schlimm geworden, wie nach einigen harschen Kritiken zu befürchten war. Wenn man die offensichtlichen Defizite beiseite schieben kann, lässt der sich gut weggucken. Ach ja, die deutsche Synchro ist leider eher mäßig, man sollte vielleicht am besten beim italienischen O-Ton bleiben.

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Author: Thomas Hortian

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