Die Hölle der lebenden Toten (1980)

Ich glaube, man merkt, dass ich Bock auf den italienischern Splatter-Krams der frühen 80er habe, oder? Und da gehört Bruno Matteis geiler Kracher natürlich mit in die vorderste Reihe. Das ist auch wieder ein Film, den ich schon gleich beim ersten Mal ins Herz geschlossen habe, eben weil er sich dreist bei anderen Filmen bedient und daraus einen ganz eigenen Remix vom Stapel lässt.

Bruno Mattei lädt ein zum Gaga-Weltuntergang

In einem Atomkraftwerk (wo sonst?) finden zwei Mitarbeiter eine tote Ratte (Bruno Mattei und Ratten, da war doch was?), die da eigentlich nicht sein soll. Und sie ist auch gar nicht tot, sondern geht einen der beiden aggressiv an, bis der seinen Schutzanzug vollblutet, zu Boden sinkt und dabei irgendwie ein Leck in dem dort langlaufenden Geröhre verursacht (fragt mich bitte nicht, wie). Der Vorgesetzte schwafelt jetzt was von einem Unfall im Modul Antares und bläst zur Evakuierung. Er faselt etwas von einem Suidid-Experiment und einem Virus.

Als Chemikerin ist sie eine Pflaume. Aber als Pflaume ist sie spitze.

Ortswechsel. Terroristen halten Geiseln in einer Botschaft, um die Stillegung verschiedener Fabriken (vielleicht auch das Atomkraftwerk darunter?) zu erpressen. Doch die Gang (u.a. José Gras und Frank Garfield) ist schon da, um den Unsinn zu beenden. Und die Gang kennt keine Gnade, sie sind ein Superduper-Spezialeinsatzkommando, richtige Männer mit Eiern aus Stahl, die nur gerufen werden, wenn Reden nichts bringt, aber eine Atombombe zu viel des Guten wäre. Aber es sind auch Männer mit Träumen.

Wenn wir hier fertig sind, geht es nach Neu-Guinea.
– Aber da gibt es nur Negerinnen.
– Na und?

Genau! Na und? Wir wollen hier doch nicht den Rassisten raushängen lassen, Herr Abgebrühter-Spezialkommando-Soldat! Oder sind wir hier beim KSK? Zur Goblin-Musik von ZOMBIE kommt es nun zur Erstürmung der Botschaft, und dort heißt es, einfach mal alle abknallen. Derweil lauschen wir nebenher noch einem TV-Kommentator, der monoton das Geschehen auf dem Bildschirm wiedergibt. Als der letzte Humanist, äh, Terrorist sein Leben aushaucht, prophezeit er den Herren Kommando einen qualvollen Tod.

Doch es geht noch weiter, denn aus einem der genannten Betriebe, die die Terrortüdelüs lieber still als laut gelegt haben wollten, gibt es keinen Mucks mehr von sich. Die Gang ist nun im Dschungel, begrüßt werden sie von Totems aus bemalten Totenschädeln. Andererorts, nicht weit entfernt, ist ein Filmteam unterwegs: Ein Ehepaar mit krankem Kind, sowie die Reporterin Lia Rousseau (Margie Newton) samt Kameramann. Sie stehen auf der Straße in einem Dorf, das verlassen scheint.

Während der Vater beim kranken Gör (das zum Glück schweigend seinem Tod entgegenfiebert) verweilt, schauen sich die anderen hier um. Im Gotteshaus erblickt die Mutter einen betenden Mann. Doch der Pfarrer entpuppt sich als untotes Monster, das über sie herfällt. Zur gleichen Zeit entweicht das lebendige Leben dem kleinen Körper des Kindes und ersetzt es durch ein untotes. Vor ihm auf der Straße kriecht die Frau schreiend vor dem Monster weg, im Auto hat auch der Mann sein Leben verwirkt. Es sind wahrlich düstere Zeiten angebrochen, hier in Papua-Neuguinea, am Arsch der hart gefickten Welt.

Schon bald sieht sich auch die Gang mit den Untoten konfrontiert, tut sich mit Lia und ihrem Kamerafritzen zusammen. Sie wollen zwar keine unliebsamen Mitbesserwisser dabei haben, denn das ihr Job dreckig ist, wissen sie nur zu gut. Doch Lia kann ja noch nützlich sein. Sie ist eine Frau und kann sich ausziehen. Das ist auch bald von Nöten, muss man doch durch ein Gebiet gefährlicher Ureinwohner, die Lia gut kennt. Um sich gut zu stellen, besucht man eine kannibalistische Feier, bis auch das Virus die Toten des Stammes befällt und die Hölle losbricht. Doch auch das hält unsere schmutzigen Helden nicht davon ab, weiterzuziehen, bewaffnet, gefährlich, gewillt, sofort jeden zu töten, den es zu beseitigen gilt, um im Auftrag der Regierung die zu töten, nach deren Tod man verlangt…

Sie werden alle sterben, indem sie sich gegenseitig auffressen.

DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN, dieses große Kunstwerk abseitigen Arzthauskinos, erreichte die bundesdeutschen Lichtspielhäuser 1981, um 10 Minuten geschnitten, das meiste Handlung sowie dem kompletten, netten Epilog. 1982 wurde die All Video VHS des Films indiziert, 2000 als Astro VHS erstmals beschlagnahmt. Soweit, so normal bei Filmen dieser Art. Das gleiche Schicksal erlitten ja auch schon die vormals von mir beweihräucherten GROSSANGRIFF DER ZOMBIES (der ja eigentlich kein Zombiefilm ist) und DIE RÜCKKEHR DER ZOMBIES (denen auch „reitende Leichen“ im Titel nicht schlecht zu Gesicht gestanden hätte). Und tatsächlich reiht sich auch DIE HÖLLE, wie ich ihn gerne und unter Verwendung lauter Stimme unter Freunden abzukürzen beliebe (Was wollen wir heute glotzen? – Die Hölle!!!), in diese bezaubernden Schnellschüsse ein, die das italienische Kino kurz vor seinem Niedergang noch gerade so am Leben erhielten und uns geneigte Fans von dieser Zeit schwärmen ließen. Denn der Film ist Wahnsinn in Tüten!

Welche, glaubst Du, sind gefährlicher? Die mit dem dreckigen Gesicht, oder die anderen?

Ein gutester Grund dafür hörte auf den Namen Frank Garfield und privat auf Franco Garofalo, der geil mit den Augen rollen kann und am Ende richtig durchdreht. Er bleibt nicht der einzige. Allerdings dreht er am längsten und auch am schönsten frei, das konnte er gut, der Herr Garofalo. Man sah ihn meist nur kurz, in Filmen wie THE ARENA, KILLER STERBEN EINSAM (hier will er Maurizio Merli an den Kragen), KOMMISSAR MARIANI (hier auch!) oder HERKULES. Doch hier, in DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN, darf er sich ungeniert in den Vordergrund spielen. Und man sieht, er hatte Spaß dabei. Danke, Franco Garofalo, auch wenn Du nicht mehr unter uns weilst, danke!

Bruno Mattei und Claudio Fragasso klauten nicht nur bei Romeros ZOMBIE, sondern natürlich auch bei Fulcis WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES und Girolamis ZOMBIES UNTER KANNIBALEN. Vom Soundtrack erklingen die Goblin, vornehmlich mit Stücken aus eben ZOMBIE und ASTARON – BRUT DES SCHRECKENS (Connexion!). Doch Mattei und Fragasso schaffen es tatsächlich, auch selbst einige wunderschön-schaurige Szenen zu kreiieren, etwa in dem verlassenen Dorf, das nur noch von Leichen, lebenden wie toten, bewohnt wird. Dazu gesellen sich die schon erwähnten Szenen mit dem vollkommen jenseits von Gut und Böse chargierenden Garofalo und einige heftige Sudeleien. Außerdem hat man ordentlich Stock Footage eingekauft, sodass man alle paar Minuten irgendwelches exotisches Getier vorgesetzt bekommt. Auch der Zynismus des Werks ist kaum zu toppen, schließlich wird das alles vernichtende Virus hinter der Fassade eines wohltätigen Konzerns erschaffen, der die Armen der Welt vor dem Hungertod retten soll.

Chemische Gesundheistszentren im Dienste der Menschheit.

Der Hunger der dritten Welt soll also gestillt werden, indem sich die Armen gegenseitig auffressen. Prost Mahlzeit. Die Welt ist heute immer noch schlecht, auch und gerade die Industrienationen der sogenannten ersten. Die dritte Welt hat sich glücklicherweise noch nicht kannibalisiert (jedenfalls nicht wortwörtlich). Ich mag den Film, ehrlich und mit großem Platz in meinem Herzen. Für die Dreistigkeit, mit der Mattei und Fragasso vorgehen, und ihrer Unbekümmertheit, auch mal übers Ziel hinauszuschießen, wegen. Wegen Frank Garfield (alleine bei dem Namen, wie kann man den nicht lieben? Wie eine gute New Yorker Lasagne). Und nicht zuletzt, weil hier eigentlich die Buschmenschen die einzig guten Menschen sind. Sie tun im Film niemand etwas zu leide. Bis dann auch der Virus über sie hineinbricht und sie sich selbst zerfleischen lässt. Es sind düstere Aussichten, aber es ist schließlich auch DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN, nicht der Himmel der sanft entschlafenen Lebenden.

Author: Tom Horn

3 thoughts on “Die Hölle der lebenden Toten (1980)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.